Athe-International: Tagebuch eines Auslandjahres – Teil III: Schule in Norwegen

Nach all dem Gerede über Planung und Anreise kommen wir nun endlich zu meiner Schulzeit hier in Norwegen. Wie ich schon in Teil I erwähnt habe, bin ich hier auf einer Waldorfschule (hier „Steinerskole“ genannt) und dementsprechend ist nicht nur das Land anders, sondern auch die Schulform. In diesem Artikel soll es vorerst über die Unterschiede von Land zu Land und meine persönlichen Erfahrungen gehen, wenn auch ich gedenke, einen Artikel zu den unterschiedlichen Schultypen zu schreiben, da die Beobachtungen die ich angestellt habe, dann doch sehr interessant sind und ich sie euch gerne mitteilen würde.

Der Schulstart war hier am selbigen Tag wie in Niedersachen (zu schade, dass ich dadurch kein Ferien-Plus gemacht habe). Da meine Gastmutter hier Lehrerin ist, hat sie mir die Schulgebäude schon einige Tage zuvor gezeigt, sodass diese mir nicht ganz so fremd waren, als die Schule offiziell begann. So schnell verlaufen wie am Athe würde man sich hier aber wohl nicht. Da sich in jedem Jahrgang nur eine Klasse befindet, sind die Schulgebäude dementsprechend kleiner, wenn auch aus architektonischer Sicht sehr ansprechend.

Sogleich habe ich meine Klassenkameraden und Klassenlehrerin (eine Deutsche, stammend aus der Nähe des Bodensees) kennengelernt. Neben der Tatsache, dass wir mit anfänglich vier Leuten (ja, ihr habt richtig gelesen) eine sehr kleiner Klasse sind, ist mir noch eine weitere Sache aufgefallen. Ähnlich wie im Englischen siezt man sich gegenseitig nicht – egal in welcher Relation man sich zueinander befindet (ausgenommen vom Königshaus). Dies war aber nicht immer so. Vor ein/zwei Generationen war dies wie in Deutschland auch die Norm. Bis eine Reform kam, die nicht nur das Siezen in Duzen verwandelte, sondern auch mit sich brachte, dass jeder sich nun beim Vornamen anspricht. Lehrer und Schüler, Arbeitsgeber und Arbeitsnehmer. Wissend, dass es über dieses Thema in Deutschland eine anhaltende Diskussion gibt, kann ich aus meinen Erfahrungen hier nur berichten, dass mir keine Respektlosigkeit oder sonstig Negatives dabei aufgefallen ist, dass wir unsere Lehrer so rufen. Ganz im Gegenteil. Die fehlenden Formalitäten nehmen in gewisser Maßen den Druck raus und helfen dabei, sich gegenseitig auf Augenhöhe zu begegnen.

Kommen wir zu einem weiteren Unterschied zu Deutschland: Die Essenszeiten. Was habe ich verwirrt reagiert, als mir gesagt wurde, dass unsere Mittagspause um 11 Uhr sei. Und das ist so nicht nur an unserer Schule, sondern auch an allen anderen sowie auf der Arbeit und in den Familien. Abendessen ist dementsprechend auch nicht abends, sondern wird hier „Middag“ genannt, und findet gegen 17 Uhr statt. Gut, am Wochenende ist das gerne auch mal anders, aber hier soll es ja auch um die Schulzeit gehen.

Kommen wir nun zu einem Punkt der zugleich negativ als auch positiv behaftet ist. Die Menschen hier sind nämlich nicht nur unfassbar gut in Englisch (und das schon von einem jungen Alter an), nein, sie sind teilweise auch aus Deutschland hierhergezogen, wodurch mir meine Gemütlichkeit, die Sprachen zu sprechen, die ich kenne, einen ordentlichen Strich durch die Rechnung macht, was Norwegisch lernen angeht (dazu aber in einem anderen Artikel mehr). An meiner Schule hier gibt es mindestens drei deutschsprachige Lehrer (die ich allesamt im Unterricht habe), die Schulleiterin ist Deutsche (dementsprechend auch einer meiner Klassenkameraden, da dieser ihr Sohn ist) und auch einige Schüler aus anderen Klassen. Insgesamt scheint Norwegen ein beliebtes Land für uns Deutsche zu sein, so sind zum Beispiel auch beide Geschwister meiner Patentante mit ihren Familien hergezogen.

Kommen wir jetzt zum letzten und vielleicht wichtigsten Unterschied an norwegischen Schulen. Diese sind nämlich nicht wie in Deutschland in Grund- und weiterführende Schule aufgeteilt, sondern in „Barneskole“ (1.-7. Klasse), „Ungdomsskole“ (8.-10.Klasse) und „Videregående skole“ (11.-13. Klasse). Ganz besonders diese letzte Schule ist wichtig, da sie entscheidend fürs Studium ist. Auf Waldorfschulen (wie in Deutschland auch) sind an sich alle Klassen vertreten, wenn auch nach der 10. viele die Schule wechseln. Zudem sind die Klassen in Norwegen jahrweise eingeteilt. Alle 2006er sind also in einer Klasse und alle 2007er in der nächsten und so weiter. An sich wäre ich hier als in der Vg 2 (Vg steht für Videregående), was der 12. Klasse in Deutschland entsprechen würde.

Ich hoffe, ich habe euch mit meinen Ausführungen nicht allzu sehr verwirrt. Kommen wir jetzt zu meinen persönlichen Erfahrungen. Trotz der Sprachbarriere komme ich recht gut im Stoff mit. Zu Anfang hatten wir den Unterricht sogar teilweise auf Englisch und auch jetzt, wo er ausschließlich in Norwegisch ist, bekomme ich genug mit, um die Klausuren und Abgaben zu schreiben (was ich nach wie vor auf Englisch oder Deutsch tue). Zwar ist es nicht immer leicht, Muttersprachler beim Sprechen ihrer Sprache zu verstehen, aber zumindest den Tafelbildern und PowerPoint-Präsentationen der Lehrer kann ich reichlich entnehmen. Meine Klassenkameraden helfen mir auf Nachfrage auch immer gut weiter und so fällt mir vieles leichter als ursprünglich angenommen.

Handys sind wie am Athe auch verboten, können bei Einwilligung des Lehrers aber auch für den Unterricht verwendet werden. Dafür ist es recht gewöhnlich, einen Laptop mit in den Unterricht zu nehmen und an diesem zu arbeiten. Sonst gibt es auch immer die Möglichkeit, einen der Schul-Laptops auszuleihen. Wir haben eine normale Tafel, als auch einen Projektor und mein persönliches Highlight: Wir haben nicht nur ein Dachfenster in unserem Klassenraum, sondern seit neustem auch ein Sofa, dass meine Gasteltern loswerden wollten und Lichterketten, die meine Klassenlehrerin uns mitgebracht hat. Und bevor ich es vergesse: Sogar einen Wasserkocher haben wir, sowie (selbstmitgebrachten) Instant-Kaffee, für den Fall, dass ich es mal brauche. An sich also reiner Luxus. Momentan steht sogar die Überlegung an, einen Tisch-Kicker zu holen, mal sehen, was daraus noch wird.

Ob diese letzten Punkte nun Standard für alle norwegischen Schulen sind, bezweifle ich. Und auch, dass es normal ist, im Unterricht Kleiderhaken und Messer zu schmieden und einen eigenen Weihnachtsmarkt zu veranstalten. Dazu gibt es dann aber mehr in Teil V meiner Reihe. Was in Teil IV kommt, werdet ihr auch bald erfahren.

Also dann, auf „Wiederlesen“ und liebe Grüße aus (dem größtenteils schneebedeckten) Norwegen.

von Julie Poulain