Nachgedacht über…: Essen für den Eimer? Ein unterschätztes Problem am Athe?

In einem verhältnismäßig wohlhabenden Land wie Deutschland haben wir eigentlich im Großen und Ganzen kein wirkliches Problem mit ausreichender Lebensmittelversorgung. Dennoch, oder vielleicht auch gerade deswegen, landen bei uns aber tagtäglich große Mengen an Essen im Müll. Das Problem ist nicht neu, doch spätestens mit der wachsenden Aufmerksamkeit für die Klimakrise und alles was sich um Nachhaltigkeit dreht, ist auch dieses Thema wieder mehr zur Sprache gekommen. Da mich das Thema selbst sehr beschäftigt, habe ich vor einigen Jahren schonmal einen Artikel über Lebensmittelverschwendung geschrieben. Jetzt in letzter Zeit sind aber an unserer Schule einige merkwürdige Bilder aufgetaucht, die uns dazu veranlasst haben, uns noch einmal mit der Sache zu beschäftigen. In den vergangenen Wochen haben die Hausmeister, aber auch andere Lehrer:innen und die Mitarbeitenden der Kabuschka uns bzw. Herrn Mathews darauf aufmerksam gemacht, dass an verschiedenen Orten des Athenaeums immer wieder unberührte oder noch verwertbare Lebensmittel in den Mülleimern landen. Die Beispiele sind mitunter wirklich erschreckend. Auf dem Schulhof sieht man immer wieder halb bis fast volle Verpackungen und Getränkedosen, die einfach weggeworfen werden, in Abfallbehältern des Gebäudes landen regelmäßig kaum angerührte, frische Backwaren, in der Mensa werden sowieso jeden Tag riesige Mengen an frisch gekochtem Essen entsorgt. Neulich lag in einem Mülleimer sogar ein ganzer Kuchen: neu und makellos… Was ist hier los?

Diese Bilder lösen bei mir, wie auch bei vielen anderen Menschen, nicht nur Unverständnis, sondern auch Bestürzung aus. Ich kann mich glücklich schätzen, dass ich persönlich nicht von Nahrungsmittelknappheit oder Versorgungsschwierigkeiten betroffen bin. Trotzdem ist das hier für mich ein hochemotionales und wichtiges Thema, da eine gute Versorgung wirklich wertvoll und nicht selbstverständlich ist. Das Wegwerfen von gut verzehrbaren Lebensmitteln zeugt nicht nur von mangelnder Wertschätzung für dieses kostbare Gut, sondern befeuert auch noch unsere Wegwerfgesellschaft, in der die vielen überflüssigen Nahrungsmittel einfach im Müll verschwinden, während anderswo Menschen nicht mal genug zum Leben haben. Wie kommt es also, dass viele so mit ihrem Essen umgehen? Ja, auch ich kann mich nicht davon freisprechen, schonmal etwas weggeworfen zu haben, das ich nicht mehr essen konnte oder wollte. Aber laut einer Studie vom Marktforschungsunternehmen GfK, die das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft veröffentlicht hat, sind 40% unserer Lebensmittelabfälle vermeidbar. Also versuche ich mir mittlerweile bei allem, was nicht mehr so gut aussieht, zweimal zu überlegen, ob es wirklich weg muss oder nicht vielleicht noch etwas anderes damit gemacht werden kann.

In privaten Haushalten wurden hier in Deutschland im Jahr 2020 rund 4,6 Millionen Tonnen Lebensmittel entsorgt. Das sind etwa 56 Kilogramm pro Kopf. Damit werden permanent wertvolle Ressourcen verschwendet und natürliche Lebensräume sinnlos ausgebeutet. In so gut wie allem was wir kaufen, stecken wertvolle Rohstoffe, die aufwendig angebaut, in harter Arbeit geerntet und auf ganz bestimmte Weise verarbeitet werden. Wenn Tiere dafür gestorben sind, ist das Ergebnis noch viel erschreckender. Es ist so schon kaum bis gar nicht zu rechtfertigen, ein lebendes Wesen für das kurze Geschmackserlebnis eines einzelnen Menschen zu quälen und zu töten und einfach nur schrecklich, wenn das Produkt des Verfahrens dann gar nicht seinen Zweck erfüllt, sondern einfach nur ungenutzt im Abfall verschwindet. Was man da wegwirft, sind also im Grunde viele wertvolle Nährstoffe, Arbeitsstunden und Produktionskosten, am Ende aber auch unser eigenes Geld. Durch sparsameres Verhalten und die Reduzierung von Lebensmittelabfällen könnten laut der vorher genannten Studie in einem Jahr durchschnittlich 137 Euro pro Haushalt eingespart werden. Für die meisten Menschen ist das viel Geld! Wieso passiert es dann trotzdem so oft? Zumindest die Begründungen für das Wegwerfen von Lebensmitteln hat GfK erfasst. Der größte Teil besteht mit 36% aus Produkten, die weggeworfen werden, weil sie verdorben sind. Ein abgelaufenes Mindesthaltbarkeitsdatum, dass ja gemeinhin als einer der häufigsten Gründe für weggeworfene Nahrungsmittel bekannt ist, macht mit 5% tatsächlich den geringsten Teil aus. Die anderen Gründe, die am häufigsten genannt werden, sind einmal, dass man sich eine zu große Portion nimmt, die man dann nicht aufessen mag, dass man zu viel eingekauft hat, was dann später schlecht wird oder, dass die Lebensmittel unappetitlich oder zu alt aussahen. In meinen Augen sprechen auch diese Gründe nochmal für eine etwas problematische Haltung der Gesellschaft gegenüber Lebensmitteln. Produkte wegzuwerfen, weil man findet, dass sie einfach nicht mehr so schön aussehen, obwohl sie eigentlich noch gut sind, kann man sich nur leisten, wenn man immer Zugang zu genug Essen hat und sich darum auch keine Sorgen machen muss. Natürlich sollte man nichts essen, das tatsächlich schon beginnt zu verderben, aber hier geht es nun tatsächlich um Abfälle, die vermieden werden könnten. Dass so viel der Verschwendung durch zu große Einkäufe oder zu große Portionen zustande kommt, zeugt ebenfalls davon, dass viele Menschen scheinbar Schwierigkeiten bei der Organisation ihrer Vorräte und der Einschätzung des eigenen Bedarfs haben.

Die Fälle, die wir nun an unserer Schule beobachten, hängen wahrscheinlich mit dem gleichen Problem zusammen, sehen aber trotzdem noch etwas anders aus. Beim Anschauen der Studienergebnisse fand ich viele der Zahlen zwar schockierend, konnte die Begründungen aber zumindest noch irgendwie nachvollziehen. Es ist zwar wirklich schade, dass so viele Lebensmittel im Müll landen, bevor sie gegessen werden, aber es ist zumindest klar, dass man nichts mehr essen sollte, was verdorben oder aus anderen Gründen nicht mehr genießbar ist. Bei den Lebensmittelabfällen am Athenaeum sind meiner Meinung nach schon fast Extremfälle sichtbar, da bei den meisten Produkten überhaupt kein sinnvoller Grund für das Wegwerfen ersichtlich ist. In der Schule landen auch immer mal Reste im Müll, aber es ist schon auffällig oft mehr als ein kleiner Rest. Natürlich können wir nicht in die Köpfe der Leute schauen, die die Sachen weggeworfen haben. Aber wenn man eine frische und unberührte Brezel im Mülleimer liegen sieht, kann man einfach nicht verstehen, warum jemand so etwas macht. Die erste Frage ist, wenn man es sich kauft, warum wirft man es dann weg? Oder, wenn man es gar nicht essen will, warum hat man es sich dann überhaupt gekauft? Klar, das kann alles mal passieren. Aber wenn man dann in der Situation ist, ein Gebäckstück oder einen anderen Snack zu haben, den man nicht mehr essen möchte, warum denkt man dann nicht darüber nach, was man sonst noch damit machen könnte? Wenn etwas noch gut ist, kann man es ja schließlich auch immer noch einpacken, zum Beispiel in eine Serviette oder ein Papiertuch und es dann für später mit nach Hause nehmen. Falls man es dann tatsächlich nicht mag, kann man ja auch ein paar andere Leute fragen, ob sie Interesse daran hätten. Bei so etwas wird sich ja sicher jemand finden, der sich darüber noch freuen würde! Ja, klar kann es auch passieren, dass einem mal etwas runterfällt, was man dann nicht mehr essen möchte. Aber eigentlich kann ich mir nicht vorstellen, dass das bei allen Beispielen der Fall ist. Vor allem nicht bei denen, die noch eingepackt sind.

Auch in der Mensa verschwinden täglich riesige Mengen an Essen im Mülleimer und das ist immer tagesfrisch gekocht. Hier kann ich auch aus eigenen Beobachtungen sagen, dass wirklich viele Schüler:innen mit großen Mengen auf den Tellern aus der Mensa kommen und am Ende der Pause mit fast genauso großen Mengen auf den Tellern wieder hinein gehen. Natürlich gilt das nicht für alle, aber ich sehe es wirklich zu oft. Dass wir an unserer Schule eine Mensa haben, wo jeden Tag frisches warmes Essen in guter Qualität zubereitet wird, bei dem man auch noch zwischen verschiedenen Gerichten wählen kann, ist eine wirklich tolle Sache und nicht selbstverständlich. Dann zu sehen, wie achtlos teilweise damit umgegangen wird, indem die Schüler:innen sich alle etwas zu essen kaufen und dann die Hälfte wieder wegwerfen, ist wirklich traurig.

Auch die Mitarbeitenden der Kabuschka betonen immer wieder, wie schade sie es finden, dass jeden Tag so viel von ihrem Essen im Müll landet. In einem vorherigen Artikel über die Kabuschka selbst haben wir schon darauf aufmerksam gemacht, wie man als Kund:in helfen kann, die Abläufe dort weniger stressig und chaotisch zu gestalten und worauf man am besten achten sollte. Wenn man nicht so großen Hunger hat oder nicht weiß, ob man das angebotene Gericht mag, kann man immer um eine kleinere Portion bitten, oder darum, dass etwas, das man nicht mag, einfach weggelassen wird. So kann man schonmal durch ein paar einfache Schritte etwas Verschwendung vermeiden, was nach ein paar Malen auch schon einen großen Effekt hat. Wenn man am Kiosk oder auch in der Mensa Snacks und Getränke kauft, will ich noch einmal dazu aufrufen, sich auch hier vorher zu überlegen, wieviel man haben möchte und dann das, was gegebenenfalls überbleibt, einzupacken und mitzunehmen. Ich bin mir sicher, dass das auch viele schon so machen, aber irgendwo müssen die vielen weggeworfenen Sachen ja herkommen.

Da es ein wichtiges und höchst ernstes Thema ist, kann man auch nicht oft genug dazu aufrufen, etwas bewusster zu handeln. Sicher ist es oft einfacher, etwas, das man nicht mehr haben will, einfach in den nächsten Mülleimer zu werfen. Aber es ist auch nicht besonders aufwendig und vor allem wirklich wichtig, bevor man das tut noch einmal darüber nachzudenken, was man sonst damit machen könnte. Natürlich ist es schön, wenn man genug zu essen hat und nicht um jedes bisschen kämpfen oder sich Sorgen machen muss, woher man die nächste Mahlzeit bekommt oder was man sich noch leisten kann. Trotzdem ist es für alle wichtig, sorgsam mit ihrem Essen umzugehen. Denn Nahrungsmittel sind ein wertvolles Gut, auch für die, die eigentlich immer genug davon haben. Wenn man etwas voraussichtlicher denkt, kocht und einkauft, kann man nach einiger Zeit große Mengen an verschwendeten Lebensmitteln vermeiden. Letztendlich spart einem das dann auch viel Geld und Verpackungsmüll. Und auch, wenn es für einen selbst in dem Moment keinen Unterschied macht, ob man das Brötchen wegwirft oder mit nach Hause nimmt, es hat einen großen Einfluss auf die Industrie und die Umwelt. Wenn wir alle lernen würden, etwas bewusster mit unseren Sachen und auch mit unserem Essen umzugehen, könnten wir gemeinsam dazu beitragen, dass sich die Produktion von Lebensmitteln und der Abbau von Rohstoffen wirklich lohnt, aber auch dazu, dass weniger oder zumindest nicht mehr zu viel angebaut werden muss, was Umwelt und Ressourcen schont. Dinge wie Lebensmittel können in unserer Gesellschaft nur ihren rechtmäßigen Wert erhalten, wenn wir ihn ihnen auch zuschreiben und ihn auch sehen und schätzen. Nur mit der richtigen Einstellung können wir dafür sorgen, dass die Welt sich in eine gute Richtung entwickelt. Und da es dafür wirklich viele wichtige Gründe gibt, finde ich, dass man nicht oft genug daran erinnern kann.

von Kari Wenk

 

Quellen:

https://www.bmel.de/DE/themen/ernaehrung/lebensmittelverschwendung/lebensmittelverschwendung_node.html

https://www.bmel.de/DE/themen/ernaehrung/lebensmittelverschwendung/gfk-studie.html

https://www.bmel.de/SharedDocs/Downloads/DE/_Ernaehrung/Lebensmittelverschwendung/GfK-Analyse-2020-Botschaften.pdf?__blob=publicationFile&v=3

Umfrage zum Thema Lebensmittelverschwendung:

 

Herr Pape: „Ich finde es unglaublich, was da weggeschmissen wird, ich weiß gar nicht, was ich sagen soll. Leider ist das aber kein Problem, was sich auf unsere Schule beschränkt, die Lebensmittelverschwendung ist weit verbreitet.“

 

Herr Mathews: „Ich bin bestürzt, wenn ich das sehe. Das Thema sollte in den Schulen, in der Gesellschaft und in der Politik viel breiter diskutiert werden. Leider ist es auch ein wirtschaftlicher Faktor – die Unternehmen wollen verkaufen und haben wenig Interesse daran, dass weniger verschwendet wird. Global gesehen ist die Lebensmittelverschwendung für zehn Prozent des CO2-Ausstoßes verantwortlich, ein Viertel unserer Ackerflächen könnten wir uns sparen, wenn wir nichts wegwerfen würden.  Es ist also ein riesiger Hebel in der Klimapolitik. Wir werfen in Deutschland 313 Kilogramm Lebensmittel in den Müll – pro Sekunde. Bei diesen Zahlen überlegt man sich vielleicht in Zukunft zweimal, ob man seinen Teller nicht doch aufisst…“

 

Linus Ohse, 7fs4: „Ich finde das nicht gut, da es Verschwendung ist. Außerdem hab ich immer Hunger! Also, bevor es weggeschmissen wird: Gerne an mich!

 

Mirnesa Dibrani, 7fs4: „Ich finde es schlimm, dass so viele Leute essen verschwenden. Man könnte das noch essen, ich zum Beispiel…“

 

Lasse Heinsohn, 9a: „Ich finde diesen Umgang mit Lebensmitteln sehr traurig, weil es nicht alle Kinder auf der Welt so gut haben wie wir. Außerdem finde ich es respektlos gegenüber den Freiwilligen in der Mensa.“