Nachgedacht über…: Leben wir in einem Klima der “großen Gereiztheit“?

Die Art und Weise, wie wir Menschen miteinander kommunizieren und Informationen austauschen, hat sich in den letzten Jahren rasant verändert. Das ist nichts Neues und erstmal auch keine Überraschung, da unsere Gesellschaft sich schon immer in einem permanenten Wandel befindet. Doch der Bereich der Kommunikation ist ein besonders interessanter Fall, da sich hier, allein in den letzten paar Jahren, besonders viel getan hat. Durch digitale Innovationen haben sich Möglichkeiten aufgetan, die unsere gesellschaftliche Kommunikationslandschaft in ganz neue Sphären heben. Zu den vielen Befürwortern und begeisterten Nutzern kommen mittlerweile auch immer mehr Personen, die die Entwicklungen mit Skepsis betrachten und offen kritisieren. Ein prominentes Beispiel ist Bernhard Pörksen, der in seinem Buch Die große Gereiztheit. Wege aus der kollektiven Erregung die Medienkultur im Zeitalter der sozialen Netzwerke beschreibt und ihre Risiken aufzeigt. 

Eine zentrale These in seinem Werk ist die, dass wir durch die ständige Verfügbarkeit von ungeprüften und ungefilterten Informationen sowie die Möglichkeit, jederzeit senden und empfangen zu können, in einem gesellschaftlichen Klima der “großen Gereiztheit” leben.

Im Folgenden möchte ich dazu äußern, warum Pörksen meiner Meinung nach Recht hat – und was dafür sprechen könnte. 

 

Eine der offensichtlichsten Errungenschaften der modernen Medienlandschaft ist die Allgegenwärtigkeit und ständige Verfügbarkeit ihrer Angebote. Egal, ob allgemeine Nachrichten, Kontakt zu Freunden und Familie oder eine kurze Beschäftigung für die Wartezeit an der Bushaltestelle – das Handy, das die meisten den ganzen Tag lang bei sich tragen, hält all diese Möglichkeiten bereit. Und nicht nur das: Seine Anwendungen, die wir ständig nutzen, sind in der Regel auch darauf konzipiert, möglichst oft und möglichst lange unsere Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Dieses Ziel wird mit einer Vielzahl kleiner unterschwelliger Tricks verfolgt und wahrscheinlich bei den meisten Nutzer:innen auch erfolgreich erreicht. Diese permanente Verfügbarkeit und die vielen Mechanismen, die dazu führen, dass wir unsere digitalen Geräte so oft nutzen, bedeuten für uns ein enorm hohes Aufkommen verschiedener Reize. Dieses ist viel höher als es ohne die sozialen Medien der Fall wäre und vermutlich auch höher als für unser Gehirn gesund ist. Viele Menschen spüren durch die Eindrücke und Informationen, die stetig auf sie einprasseln, ein höheres Maß an Stress und Belastung, doch auch diejenigen, die nicht direkt darunter leiden, reagieren häufig mit Unruhe oder Konzentrationsschwierigkeiten. Diese Erfahrung kenne ich selbst aus dem Alltag: Auch wenn ich nicht über alles, was ich am Tag sehe oder höre, lange nachdenke und die meisten Eindrücke nach kurzer Zeit von etwas anderem abgelöst werden, spüre ich, dass mich ein hohes Pensum an Reizen unterschwellig belastet, zumindest aber beschäftigt und zusätzliche Energie kostet. Dazu kommt, dass die Gewöhnung an viele kurze Eindrücke es schwerer macht, mich auf eine einzelne Sache wirklich zu konzentrieren. Dieses Gefühl ist zwar zunächst eher persönlich, doch auch die Auswirkung auf das gesellschaftliche Klima, die Pörksen beschreibt, meine ich bei meinen Mitmenschen wahrzunehmen. Zumindest soweit ich es von außen beurteilen kann, sind auch viele in meinem Umfeld schnell abgelenkt und teilen ein Gefühl der Überforderung, gerade junge Menschen in meinem Alter. 

Die neue mediale Flut erreicht uns dabei in allen Formen: Selbst, wenn es nur darum geht, sich in Form von Nachrichten über das aktuelle Weltgeschehen zu informieren, etwas, das unsere Vorfahren auf die ein oder andere Weise schon seit Jahrhunderten getan haben. Auch sie sind jetzt nicht mehr auf die abendliche Tagesschau im Fernsehen begrenzt, sondern im digitalen Zeitalter überall und zu jeder Zeit präsent: von den großen Tafeln in Einkaufszentren über die Info-Bildschirme in der Bahn bis zum kleinen Life-Ticker und den etlichen News-Kanälen auf dem Handy. Ich habe immer häufiger das Gefühl, nicht mehr selbst die Nachrichten zu verfolgen, sondern von den Nachrichten verfolgt zu werden. Das führt nicht nur zur bereits beschriebenen Reizüberflutung, sondern auch dazu, dass wir etliche Dinge mitbekommen und erfahren, auch wenn wir es eigentlich gar nicht wollten. Die Neuigkeiten belasten uns nicht nur durch ihre Quantität und Frequenz, sondern auch durch ihre Inhalte. Für mich ist es ein weiterer Grund für die von Pörksen benannte “große Gereiztheit”, dass wir heute viel mehr schlechte und bedrückende Nachrichten hören, zu einem großen Teil auch solche, die uns selbst gar nicht betreffen. Die Bürgerkriege und Völkermorde in Ländern des globalen Südens, die immer mal wieder in den westlichen Nachrichten auftauchen sind nicht nur schrecklich und dramatisch, es ist auch wichtig, dass darüber berichtet wird, damit ihre Opfer nicht im Schweigen verschwinden. Trotzdem bringt es effektiv nichts, wenn ein Jugendlicher, wie ich in Deutschland, auf dem Weg zwischen Schule und Nachhilfeunterricht darüber liest. Warum? Weil er allein nichts an den strukturellen Missständen in anderen Teilen der Welt ändern kann und er sich in der Folge nur zusätzlich um ein Thema sorgt, das ihn selbst nicht betrifft, auf das er selbst keinen Einfluss hat. Auch wenn es seinen Geist nur für einen kurzen Moment beschäftigt, können sich diese vielen schlechten Nachrichten, wie schon erwähnt, in unserem Unterbewusstsein summieren. Was folgt, ist die dauerhafte Gereiztheit.

Eines der stärksten Argumente für die positive Wirkung der digitalen Vernetzung ist ein Potenzial, Menschen zu verbinden und ihnen ein Gefühl der Gemeinschaft zu geben. Damit einher geht häufig der Verweis auf inspirierende oder unterstützende Inhalte, von denen gerade Menschen im jungen Alter oder in schwierigen Lebenssituationen profitieren können. Diese positiven Aspekte und ihre Wirkung will ich nicht kleinreden, auch da ich selbst schon häufig von ihnen profitieren durfte. Die traurige Wahrheit ist jedoch, dass die Schattenseiten dieser Möglichkeiten, also über das Netz verbreiteter Hass und Diskriminierung sowie schlechte Nachrichten oder Panikmache, sich wesentlich schneller weiterverbreiten. Gleichzeitig rufen sie mehr Reaktionen und Interaktionen hervor, wodurch ihre Verbreitung und Präsenz von den Algorithmen zusätzlich verstärkt werden. Auch wenn positive Beiträge überall sind, für viele Nutzer:innen auch überwiegen, haben die düsteren Bilder, die Falschinformationen und die spaltenden Botschaften doch die größere Macht im Netz. Sie tauchen häufiger auf, erreichen mehr Menschen und fressen sich schneller ins Gehirn. Das zeichnet sich im gesellschaftlichen Klima ab – sowohl online als auch offline. 

Ein wichtiger Punkt und gleichzeitig ein starkes Argument für die sozialen Netzwerke ist die Möglichkeit für jeden einzelnen, selbst sowohl Empfänger als auch Sender zu sein. Dadurch kann jeder seine Stimme erheben, der sonst vielleicht keine Chance bekommen hätte, gehört zu werden. In vielerlei Hinsicht ist das ein Gewinn für Demokratie und Meinungsfreiheit sowie für gesellschaftliche Vielfalt beziehungsweise deren Repräsentation. Der Nachteil ist jedoch, dass damit auch alle Tore offen stehen für Falschinformationen, Hass und Hetze. Durch die bereits erwähnten Muster der Algorithmen, hinter denen ökonomische Interessen stehen, ist das Internet leider kein neutraler Raum, in dem ein fairer Diskurs herrschen kann; wie bereits erwähnt, haben die lauteren Stimmen und die kontroverseren Beiträge immer den größten Vorteil. Leisere Stimmen haben zwar die Möglichkeit, sich zu äußern, aber nicht die gleiche Chance, gehört zu werden. Damit wird auch dieser Aspekt der sozialen Medien, eigentlich eines ihrer größten Versprechen, zu einer Gefahr. Und einem weiteren Herd der kollektiven Gereiztheit. 

Der letzte Punkt hängt ebenfalls mit den Algorithmen der Social-Media-Plattformen zusammen, hat aber auch direkt mit unserer zwischenmenschlichen Interaktion zu tun. Da es das Prinzip der Apps ist, uns das anzuzeigen, was wir gerne sehen, gemessen daran, was von uns die meiste Aufmerksamkeit erhält, hat jeder nach einer kurzen Zeit der Nutzung einen personalisierten Feed, der in gewisser Weise seine eigene kleine Welt widerspiegelt. Was bei Musikgeschmack, Hobbys oder ästhetischen Vorlieben harmlos ist, wird spätestens bei Weltanschauungen und gesellschaftlichen Kontroversen problematisch. Dass jeder seine eigene Community aus Gleichgesinnten finden kann, ist zuerst mal etwas Gutes, doch im Kontext gesellschaftlicher Konflikte kann es zu einer starken Polarisierung und Spaltung führen, die verschiedene soziale Gruppen immer weiter voneinander entfernt und die Betroffenen andere Perspektiven vollständig ausblenden lässt. Gerade im politischen Feld bewirkt die Dynamik der sozialen Medien, dass sich viele in ihren jeweiligen Lagern radikalisieren. Das ist fruchtbarer Boden für politische Akteure, der gerade von Populist:innen genutzt wird, um möglichst viele zu beeinflussen. Durch die weitere ideologische Entfernung der Menschen und die Stimmen, die bestehende Kontroversen mutwillig weiter befeuern, steigt logischerweise auch das Konfliktpotenzial, die gesamte Stimmung wird aufgeladener. Die “große Gereiztheit” besteht für mich auch darin. Ein gesellschaftliches Klima, in dem jedes Gespräch potenziell zum Streit werden kann, wenn ein unüberlegtes Wort fällt, eine in gewisser Weise gefärbte Formulierung verwendet wird oder über einen bestimmten Punkt eine Meinungsverschiedenheit herrscht, sorgt automatisch für erregte Gemüter. Vielleicht wird es durch sie auch erst ausgelöst, doch wenn beide Faktoren erst einmal zusammenkommen, befeuern sie sich gegenseitig. Die Spuren, die sie im sozialen Leben der Menschen hinterlassen, sind gravierend; sie treten schon überall zutage, sind aber trotzdem für die Zukunft noch kaum zu bemessen. Auch wenn ich selbst nicht besonders viele direkte Kontakte habe, sehe ich um mich herum die verschiedensten Beispiele, wie durch Einflüsse im Internet gesellschaftliche Konflikte, Vorurteile oder politische Kontroversen persönliche Beziehungen zerbrechen lassen oder sie gar nicht erst möglich machen. Diese Gefahren sind systematisch veranlagt und werden sich in Zukunft wahrscheinlich nur noch stärker auswirken. 

Pörksen schildert in seinem Buch auch Fälle, die zeigen, wie sehr die gesellschaftlichen Folgen dieser neuen Dynamik eskalieren können und welchen Schaden sie damit anrichten. Die Auswirkungen haben bereits die gesamte Gesellschaft erfasst und unsere sozialen Gefüge bis in ihr Innerstes durchdrungen. Die kollektive Gereiztheit, von der er spricht, ist für mich deutlich wahrzunehmen. Auch wenn ich es vielleicht anders beschrieben hätte und der Ausdruck mich zuerst verwirrt hat, bin ich beim Nachdenken darüber zu dem Schluss gekommen, dass er wahrscheinlich ein Phänomen meint, das auf viele verschiedene Weisen empfunden werden kann, das aber wahrscheinlich fast alle spüren. Sowohl für einfach Nutzer:innen als auch für Fachleute ist unklar, wie man die großen Risiken und die bereits entstandenen Schäden nun noch eindämmen kann, doch darauf aufmerksam zu machen, über sie aufzuklären, ist mit Sicherheit ein wichtiger erster Schritt. 

von Kari Wenk

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