Athe-aktuell: Klasse 10fl nahm Filmpreis im Landtag entgegen
In den Niedersächsischen Landtag eingeladen zu werden, ist etwas ganz Besonderes – auch wenn es „nur“ das Forum des höchsten politischen Gremiums des Landes ist. Der Klasse 10fl des Athenaeums wurde eben jene Ehre am 8. April zuteil, denn sie war eine von drei Gewinnern, welche einen mit 300 Euro dotierten Preis im Rahmen einer feierlichen Verleihung entgegennehmen durfte. Die Schülerinnen und Schüler von Geschichtslehrer Peter Trautmann überzeugten die Jury beim Videowettbewerb „Heimat – Vertrieben“, welcher vom Niedersächsischen Landesbeauftragten für Migration und Teilhabe, Deniz Kurku, ausgerufen wurde. Die Schülerinnen und Schüler setzten sich in diesem Kontext mit Biografien von Heimatvertriebenen in Deutschland im und nach dem Zweiten Weltkrieg auseinander. Die Abschlussveranstaltung wurde gemeinsam vom Niedersächsischen Landtag, dem Landesbeauftragten für Migration und Teilhabe sowie dem Bund der Vertriebenen – Landesverband Niedersachsen e. V. realisiert und wird den Athenaern noch lange in Erinnerung bleiben.
„Der Tag, der Rahmen und der Preis, das erlebt man nicht alle Tage und die Klasse kann wirklich stolz auf sich sein“, meinte Peter Trautmann nach der Ehrung in Hannover. Das Projekt wurde in seinem Geschichtsunterricht realisiert und aus 27 Beiträgen ausgewählt. „Die Einsendungen zeigen eindrucksvoll, dass junge Menschen sehr wohl Interesse und ein feines Gespür für diesen Teil deutscher Geschichte haben. Viele haben in ihren Familien nachgefragt und damit Erfahrungen sichtbar gemacht, die sonst vielleicht verloren gegangen wären“, lobte Landesbeauftragter Deniz Kurku die Schülerinnen und Schüler. In der anschließenden Diskussion mit den Autoren Werner Sonne und Thomas Kreutzmann, der Historikerin Natalie Reinsch sowie dem jungen Filmschaffenden Michael Eibl wurde der Bogen von historischen Erfahrungen hin zu aktuellen Fragen von Erinnerungskultur und gesellschaftlichem Zusammenhalt gespannt. Weitere Preisträger neben dem Athe waren das „Emma Helene Haus“ aus Braunschweig sowie Emilian Heyelmann aus Butjadingen.
von Benjamin Mathews
Das Video vom Athe sowie alle anderen Videos sind hier zu sehen: https://www.youtube.com/playlist?list=PL1A3q17bpXpR10V37aMhlat5G6LGSyW5L
Benjamin Mathews hat mit Stine Corleis und Anouk Lenk, zwei Schülerinnen der 10fl gesprochen, welche stellvertretend für die ganze Klasse den Titel und das Ereignis reflektierten.
Benjamin Mathews: Stine und Anouk, zunächst einmal herzlichen Glückwunsch zu eurem Gewinn mit der Klasse 10fl beim Videowettbewerb „Heimat – Vertrieben“. Hand aufs Herz: Habt ihr mit einem Sieg gerechnet?
Anouk Lenk: „Ganz ehrlich, es hat mich nicht wirklich überrascht, als bekannt gegeben wurde, dass wir es unter die Sieger geschafft haben. Ich hatte allerdings eher mit dem zweiten oder dritten Platz gerechnet. Wir wussten zu dem Zeitpunkt noch nicht, wie viele bei dem Wettbewerb teilgenommen haben und hatten daher keine Ahnung, wie groß unsere Konkurrenz sein würde. Aber ich kann sagen, dass wir viel Zeit und Arbeit in das Video gesteckt haben und daher hat es mich natürlich gefreut, dass wir tatsächlich den ersten Platz erreicht haben.“
Stine Corleis: „Wir haben natürlich darauf gehofft, da es ein großer Aufwand ist, ein solches Video zu erstellen. Damit gerechnet haben wir aber eher nicht, unter anderem deswegen, weil es gar nicht genau klar war, wie viele Videos eingereicht wurden und wir so unsere Siegchancen schwer einschätzen konnten.“
Wie hat die Jury begründet, dass ihr den 1. Platz verdient habt?
Anouk Lenk: „Vor allem unser historisches Fachwissen hat die Jury überzeugt. Wir haben viel recherchiert und auch vieles von dem, was wir in der Schule zu dem Thema gelernt haben, mit eingebracht. Herr Trautmann hat uns auch einige Bücher mit zusätzlichen Informationen bereitgestellt, mit denen wir arbeiten konnten. Bei den anderen beiden Videos, die neben uns den ersten Platz erreicht haben, standen vor allem der Schnitt des Videos oder persönliche, historische Familiengeschichten im Vordergrund.“
Stine Corleis: „Die Jury befand vor allem die historische Präzision unseres Videos gepaart mit kleinen schauspielerischen Sequenzen bewundernswert.“
Von einer Idee bis zum finalen Produkt ist es ein langer Weg – wie verlief der Produktionsprozess in eurer Klasse?
Anouk Lenk: „Wir haben uns anfangs in mehrere Gruppen eingeteilt, jede hatte einen eigenen Bereich. So kam es, dass immer mehrere Schüler an einem Teil des Videos gearbeitet haben, die wir dann am Ende nur noch zusammenfügen und schneiden mussten. Sobald das Video fertig wurde, war Herr Trautmann dafür zuständig, das Video einzureichen und die dafür benötigten Formulare auszufüllen.“
Stine Corleis: „Nachdem Herr Trautmann uns den Flyer zeigte, waren wir sofort alle Feuer und Flamme, das Projekt zu realisieren, zum einen aufgrund des spannenden historischen Themas, aber natürlich auch wegen des beachtlichen Preisgeldes. Zunächst haben wir uns in Kleingruppen aufgeteilt, die jeweils ein Themengebiet bearbeitet haben. Inspiration haben wir vor allem aus den Erzählungen eines Zeitzeugen von Flucht und Vertreibung nach dem Zweiten Weltkrieg genommen, den Herrn Trautmann zu uns eingeladen hat. Eine besonders große Rolle spielte meiner Meinung nach die Teamarbeit innerhalb der Klasse, die schlussendlich einen wichtigen Teil zum Gewinn beigetragen hat.“
Was waren die größten Herausforderungen in der Produktion?
Anouk Lenk: „Die größte Herausforderung war tatsächlich, den zeitlichen Rahmen einzuhalten. Das Video durfte nicht länger als fünf Minuten sein, von daher war es recht schwierig, alle Informationen dort hineinzubekommen. Wir mussten auch einige Bereiche komplett rauslassen, damit alles mit der Zeit passen konnte. Ich glaube, wir hätten locker einen 15-minütigen Film drehen können.“
Wie viele Schülerinnen und Schüler waren letztlich am Video beteiligt?
Anouk Lenk: „Das Ganze war Projekt, bei dem der komplette Geschichtskurs aus unserer Klasse beteiligt war. Das bedeutet, unser Sieg ist ein Verdienst der ganzen Klasse.“
Welche Rolle hat euer Lehrer Herr Trautmann in dem Projekt gespielt?
Stine Corleis: „Herr Trautmann hat uns sehr viel Freiraum gelassen, wofür ich ihm sehr dankbar bin, hat aber dennoch eine wichtige Rolle gespielt, indem er uns es überhaupt ermöglicht hat, das Projekt im Unterricht durchzuführen sowie die Rahmenbedingungen geschaffen. Zudem hat er sich um den Besuch des Zeitzeugen gekümmert und das Video trotz einiger Turbulenzen auf der Upload-Plattform mit viel Geduld eingereicht.“
Das Thema „Flucht“ ist kein einfaches und doch ein omnipräsentes, auch oder vor allem in der heutigen Zeit. Inwiefern beschäftigt das privilegierte Schülerinnen und Schüler eines deutschen Gymnasiums?
Anouk Lenk: „Meiner Meinung nach ist es wichtig, zu verstehen, wie Flucht und Vertreibung nach dem Zweiten Weltkrieg abgelaufen ist. Die Vergangenheit zu kennen, bedeutet auch, die Gegenwart besser verstehen zu können. Millionen Menschen mussten damals unter furchtbaren Umständen ihre Heimat verlassen – heute können wir uns kaum vorstellen, wie so etwas gewesen sein muss. Wir haben das Privileg, auf ein Gymnasium gehen und lernen zu können, während die Kinder damals bloß aus einem Koffer leben konnten. Viele Familien haben tatsächlich einen Fluchthintergrund – meine beispielsweise auch. Je mehr ich also über die vergangenen Ereignisse lerne, desto mehr verstehe ich heute die Geschichte meiner Familie.“
Stine Corleis: „Ich denke, insbesondere in der heutigen Zeit, ist es wichtiger denn je, sich auch mit schwierigen Themen auseinanderzusetzen. Niemandem bringt es etwas, unangenehme Bereiche der Vergangenheit einfach ausblenden. Auch wenn wir nicht für die damaligen Zustände verantwortlich sind, sehe ich es als Aufgabe der jüngeren Generationen an, dafür zu sorgen, dass sich vergleichbare Muster niemals wiederholen. Egal wie unangenehm es auch sein mag, sich mit der Zeit des Nationalsozialismus ebenso wie mit der Vertreibung nach dem Zweiten Weltkrieg auseinanderzusetzen, halte ich es für essenziell, die Vergangenheit zu thematisieren, zum Beispiel im Unterricht oder durch wichtige Aktionen wie den Videowettbewerb. Denn nur so können wir aktiv Prävention leisten und Geschichtsrevisionismus verhindern.“
Der Titel ist mit 300 Euro prämiert. Was stellt ihr damit an?
Anouk Lenk: „Ich denke, dass wir das Geld für einen Wandertag oder eine Klassenfahrt sparen werden – etwas, womit alle aus unserer Klasse etwas anfangen und daran teilhaben können.“
Stine Corleis: „Zurzeit planen wir einen Wandertag, für den das Geld aller Wahrscheinlichkeit nach einen Nutzen finden wird.“