Athe-informiert: Outdoor Education – Schule mal anders
Kia Ora! Viele von uns kennen nur die typischen deutschen Schulfächer, wie Deutsch, Mathematik oder Erdkunde. Wenn ihr jedoch nach Neuseeland reist, um dort ein Auslandsjahr zu verbringen (so wie ich es letztes Schuljahr gemacht habe), stehen euch viele weitere Kurse zur Verfügung: Neben dem Kochen in ‚Hospitality‘ und dem Tüfteln in ‚Robotics‘ könnt ihr dort auch u. a. das Schulfach Outdoor Education belegen. Wie genau dieses funktioniert und warum es der vermutlich spannendste Unterricht der Welt ist, erfahrt ihr in diesem Artikel.
Schon Rousseau schrieb: „Die Natur entwickelt unsere Fähigkeiten und unsere Kräfte; die Menschen lehren uns den Gebrauch dieser Fähigkeiten und Kräfte.“ In Outdoor Education geht es darum, die Fähigkeiten, das Wissen und das Bewusstsein der Schüler für die Außenwelt und ihre Aktivitäten im Freien zu steigern. Dabei stehen Risikomanagement, Kommunikationsfähigkeiten und das Fördern von Führungsqualitäten stark im Fokus. In der Regel arbeitet man in jedem Term (Viertelschuljahr) auf eine bestimmte Aktivität hin und schließt die Unterrichtseinheit mit einem zweitägigen Trip in der 12. Klasse bzw. einem dreitägigen Trip in der 13. Klasse ab. Begleitet wird man von mindestens zwei erfahrenen Lehrern, die meist einen Bachelor- und Masterabschluss in ‚Sustainability and Outdoor Education‘ tragen.
Ich habe in Neuseeland zwei Terms verbracht, und konnte daher an zwei Outdoor Education Ausflügen teilnehmen. Das erste Thema war „Whitewater Kayaking“, also mit einem Kayak auf einem Wildwasserfluss paddeln. Zur Vorbereitung haben wir erst alle im Unterricht einen anerkannten Erste-Hilfe-Kurs abgelegt, um im Notfall unseren Klassenkameraden helfen zu können. Zusätzlich haben wir jeden Tag im Unterricht das nötige Grundwissen erlernt, z. B. welche Ausrüstung wir benötigen, auf welche Merkmale von Flüssen wir achten müssen sowie Fachbegriffe wie „Ferryglides“, „Eddys“ oder „Sweep Strokes“. Dazu haben wir zweimal den in Auckland gelegenen See ‚Pupuke‘ besucht. Dort konnten wir ein Gefühl für unsere Kayaks gewinnen und unser Wissen aus dem Unterricht erstmals anwenden. Ende März folgte der zweitägige Trip, bei dem wir am ersten Tag auf einem Fluss der Klasse I+ übten und am zweiten Tag eine mit „Class II“ eingestufte Sektion des Aniwhenua Rivers paddelten. Dabei waren die Stromschnellen mit dem Spitznamen „Humpty Dumpty“ besonders heftig und brachten einige von uns zum Kentern, die aber schnell wieder von ihren Mitschülern an die Oberfläche gebracht wurden. Fazit der Klasse: Nervenaufreibend, aber extrem spaßig!
Das zweite Thema war „Caving & Rock Climbing“, also Höhlen erkunden und klettern. Auf diesen Ausflug haben wir uns noch ausgiebiger vorbereitet, mit drei Daytrips zu örtlichen Kletterhallen haben wir nicht nur unsere Kletterfähigkeiten verbessert, sondern auch gelernt, einander an der Wand zu sichern. Zusätzlich haben wir mehrere sowohl fürs Caving als auch Rock Climbing elementare Knoten gelernt, wie Achterknoten, Webeleinenstek oder Halbmastwurf. In der Theorie stand hier vor allem das Wetter im Fokus: Da es zum Zeitpunkt des Ausflugs Winter sein würde, war sowohl Kälte als auch Regen zu erwarten. Besonders das Caving ist sehr wetterabhängig, weil das Höhlensystem in Waipu, das wir erkunden wollten, eine Art kleinen Fluss enthält und dementsprechend einfach fluten kann. Außerdem ist das Klettern bei anhaltendem Regen und Nässe schwieriger. Deswegen haben wir die Tage vor dem Trip Ende Juni das Wetter sehr genau beobachtet, Warnstellen für extremes Wetter kontrolliert und gelernt das Wetter vor Ort an Hand von Wolken und anderen Indikatoren einzuschätzen. Wir hatten Glück; auf dem Ausflug hatte es nur leicht genieselt und konnten deshalb ungestört unseren Aktivitäten nachgehen. Wir sind durch unterirdische, eiskalte Gewässer geschwommen, haben uns von über zehn Meter hohen Klippen abgeseilt und zahlreiche Felswände erklimmt. Dabei stand vor allem das Vertrauen in einander im Vordergrund, da wir direkt für die Sicherheit unserer Freunde verantwortlich waren.
Nach zwei ereignisreichen Terms war der Zusammenhalt in unserer Klasse so stark wie noch nie, wir hatten echte Bindungen aufgebaut und vertrauten uns gegenseitig fast schon blind. Das machte den Abschied umso schwieriger, als es für mich und ein paar andere internationale Schüler nach dem Halbjahr nach Hause ging. In diesem Unterricht haben wir Erinnerungen gesammelt, die wir nie vergessen werden. Vielen Dank an das Outdoor Education Department der Westlake Boys High School dafür, diese besondere Zeit möglich gemacht zu haben. Wenn ihr euch jetzt auch für Outdoor Education interessiert, informiert euch über einen Auslandsaufenthalt in Neuseeland – ihr werdet es nicht bereuen!
von Julius Birkholz