Athe-Rückspiegel: Von Stade nach Lublin – damals und heute

Kazimierz Bachleda-Zarski, Otto Davids, Moritz Wertheim, Frieda Freudenstein. Diese Menschen und ihre Geschichten verbinden den Landkreis Stade und die Region Lublin; ihre Schicksale haben uns während unseres einwöchigen Austauschs täglich begleitet. Wir, eine Gruppe von elf deutschen Schülerinnen und Schülern des Gymnasiums Athenaeum Stade, durften vom 12. bis zum 18. April 2026 bei unseren polnischen Austauschpartnern des Liceum V in Lublin leben. Am Sonntagabend, den 12. April, trafen wir um 19:30 Uhr am Hauptbahnhof Lublin ein. Nach dem Transfer zu den Gastfamilien begann für viele von uns eine erste echte Begegnung mit polnischer Alltagskultur – herzlich aufgenommen in einer Stadt, deren Geschichte im ganzen Stadtgebiet allgegenwärtig ist.

Der erste gemeinsame Tag begann am Liceum V mit einer offiziellen Begrüßung durch die Schulleitung der Schule und einer Vorstellung des Wochenprogramms. In integrativen Gruppenspielen wuchs die Gruppe schnell zusammen. Gestärkt durch Zwiebelbrötchen führten uns die polnischen Schülerinnen und Schüler am Nachmittag durch die Stadt. Lublin war vor dem Zweiten Weltkrieg eine Stadt mit einer großen und lebendigen jüdischen Bevölkerung.

Am nächsten Tag dann die Fahrt nach Zamość, einer polnischen Renaissance-Stadt. Auf der Strecke liegt die kleine Gemeinde Izbica, wo sich das Transitghetto befand, in das Otto Davids aus Stade – 1898 in Krefeld geboren, seit 1908 in Stade ansässig und als und Sohn eines Viehhändlers Mitglied der Jüdischen Gemeinde – am 24. Juni 1942 deportiert worden war und in dem er ums Leben kam.

Der schwerste Tag der Woche: Am Mittwochmorgen besuchten wir die Gedenkstätte Majdanek, das ehemalige Konzentrations- und Vernichtungslager unmittelbar an den Stadtgrenzen Lublins. In zwei Führungsgruppen gingen wir über das weitgehend original erhaltene Gelände. Majdanek gehörte – wie Sobibor und Treblinka – zum Netzwerk der Vernichtungslager der „Aktion Reinhard“, koordiniert von der SS-Führung in Lublin. Moritz Wertheim, Stader Mitinhaber des Bankhauses Friedlaender & Wertheim, war 1939 in die Niederlande geflohen, 1940 verhaftet und im Lager Westerbork interniert worden. Am 20. April 1943 wurde er nach Sobibor deportiert und dort drei Tage später, am 23. April 1943, ermordet. Frieda Freudenstein, geb. Frenkel – 1864 in Varenholz geboren, jahrzehntelang in Stade ansässig und als großherzige Nachbarin bekannt, die ärmere Mitbürger zu sich nach Hause einlud – war 1942 zunächst nach Theresienstadt und von dort nach Treblinka deportiert worden, wo sie am 26. September 1942 im Alter von 78 Jahren ermordet wurde. Vor dem Krematorium in Majdanek wurden diese Namen laut. Der Nachmittag war bewusst für ein Gespräch in der Schule reserviert. Wie verarbeitet man das Gesehene? Welche Verantwortung trägt unsere Generation? Diese Fragen ließen sich nicht abschließend beantworten – aber das gemeinsame Sprechen darüber war selbst eine Form des Gedenkens.

Am Donnerstag brachen wir um 6:15 Uhr nach Łódź auf. Im Museum der Polnischen Kinder – Opfer des Totalitarismus erforschten wir das Kinder- und Jugendlager Litzmannstadt/Łódź (1942 1945). Im Rahmen von Projektarbeit setzten wir uns mit einzelnen Schicksalen auseinander. Kazimierz Bachleda-Zarski war selbst noch ein Jugendlicher gewesen, als er nach Deutschland verschleppt wurde. Die Schülervertretung des Gymnasiums Athenaeum hält die Patenschaft für den Stolperstein von Kazimierz Bachleda Zarski – einem jungen Polen aus Honey/Zakopane, der 1940 im Alter von vierzehneinhalb Jahren als Zwangsarbeiter nach Stade verschleppt wurde und dort auf Bauernhöfen arbeiten musste. Am 7. Oktober 1943, mit nur 18 Jahren, wurde er auf dem Schießstand in Campe öffentlich hingerichtet – ein reiner Willkürakt der Gestapo Bremen, der zur Einschüchterung der rund 200 anwesenden polnischen Zwangsarbeiter dienen sollte. Dass wir nun als deutsche Schülerinnen und Schüler nach Polen fuhren, in das Land, aus dem Kazimierz Bachleda-Zarski stammte, trug von Anfang an eine besondere Bedeutung. Sein Schicksal und das der Kinder in Łódź gehören zu denselben Systemen nationalsozialistischer Gewalt, die wir in dieser Woche an so vielen Orten berührt hatten.

Am Freitag arbeiteten wir in gemischten deutsch-polnischen Gruppen gemeinsam mit Mitarbeiterinnen der Gedenkstätte Majdanek an selbst gewählten Themen und präsentierten die Ergebnisse im Plenum. Was in dieser Woche zwischen uns entstanden war – geteiltes Wissen, Vertrauen, Verantwortungsbewusstsein – zeigte sich hier am deutlichsten. Nach einer gemeinsamen Kegelrunde schlossen wir den Austausch mit dem offiziellen Abschlusstreffen und der Dokumentation für das Deutsch-Polnische Jugendwerk (DPJW) ab. Ein besonderer Dank gilt Herrn Dr. Hellwinkel, ohne den dieser Austausch nicht möglich gewesen wäre. Um 8:00 Uhr trafen wir uns ein letztes Mal am Hauptbahnhof Lublin. Die Abfahrt um 8:36 Uhr nach Warschau markierte das Ende einer Woche, die weit mehr war als ein Schüleraustausch. Kazimierz Bachleda-Zarski. Otto Davids. Moritz Wertheim. Frieda Freudenstein. Wir nehmen ihre Namen mit nach Hause – als Auftrag, ihre Erinnerung wach zu halten, und als Beweis dafür, dass die Geschichte unserer beiden Städte untrennbar miteinander verbunden ist.

„Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist.“ – Gunter Demnig

Gastbeitrag von Joshua Griesbach

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