Nachgedacht über: Digitales Heroin
Ich weiß nicht genau, woran es liegt, aber irgendwas scheint passiert zu sein. Vielleicht hat es auch einfach die Zeit mit sich gebracht, vielleicht sind es Vorgänge, die schon lange vorher im Gang waren und jetzt einfach einen bestimmten Punkt erreicht haben. Vielleicht liegt es auch an meiner eigenen Wahrnehmung, dass ich mehr darauf achte. Die wirkliche Anfangszeit der sozialen Medien habe ich nicht miterlebt, ich kann sie mir nur vage vorstellen. Aber heute kommt mir die öffentliche Stimmung irgendwie anders vor als noch vor ein paar Jahren. Diese Euphorie, das Gefühl, etwas Revolutionäres entdeckt zu haben, scheint abgeflacht. Die sozialen Medien sind für die meisten jetzt etwas Alltägliches, eine Art digitaler Marktplatz, auf dem wir uns ganz natürlich bewegen. Zumindest die, die sie nutzen. Die, die ihnen nicht von Beginn an ablehnend gegenüberstanden oder irgendwann genug hatten und von dort geflohen sind.
Es ist einerseits dieser Ort, aber eigentlich fasst es das auch nicht wirklich. Zumindest nicht vollständig. Ich denke häufig darüber nach und versuche, ein geeignetes Bild zu finden. Etwas, das den Sachverhalt veranschaulicht oder zumindest mein Gefühl irgendwie in Worte fasst. Es gibt viele verschiedene Vergleiche, was kein Wunder ist, bei so einem komplexen Thema. Die Idee des Internets ist ein Netz, in erster Linie auf die positive Art. Im Sinne eines Netzwerkes, das Menschen verbindet und zu einem großen Ganzen zusammenführt, das irgendwie mehr ist, als die Summe seiner Teile. Dieses Bild ist sehr naheliegend. Es passt eigentlich auch sehr gut, denn es bildet genau ab, was scheinbar die Idee dahinter ist, was man sich davon erhofft hat. Doch auf der anderen Seite ist ein Netz eine Falle, ein Instrument, das jemanden umschlingen, einengen und festhalten kann. Die vielen kleinen Verbindungen sind für sich genommen toll, aber jede einzelne von ihnen kann zum Problem werden, wenn über sie auch unliebsame Nebeneffekte auftreten oder man sich irgendwann nicht mehr lösen kann. Und das Netz als Ganzes ist natürlich nicht nur dafür da, einen einmal zu verbinden, sondern auch um einen festzuhalten.
Auch das digitale soziale Netzwerk hat dieses Ziel, das seine Schöpfer mit entsprechenden Maßnahmen zu erreichen versuchen. In den Algorithmen der Social Media Apps werden diese auf perfide Weise perfektioniert und sind dadurch auch dort besonders deutlich erkennbar. Zumindest, wenn man bereit ist, das System kritisch zu betrachten. Was schon in den Grundlagen sozialer Plattformen angelegt war, tritt in der heutigen Form der sozialen Medien nun deutlich zu Tage. Menschen werden vernetzt, verbunden, erhalten Zugang zu Angeboten, die sie sonst nicht erreicht hätten. Doch sie sehen sich auch Gefahren gegenüber, die sie außerhalb dieses Netztes nicht finden. Sie haben direkten Kontakt zu potenziell gefährlichen Personen oder schädlichen Inhalten. Sie treten in Verbindungen und Abhängigkeiten ein, die ihnen später schaden. Sie lassen sich einfangen, verstricken sich, kommen nicht mehr los.
Das hängt zusammen mit einem anderen Bild, das in letzter Zeit immer häufiger aufkommt und auf eine andere Weise genauso naheliegend ist. Social Media als Droge. Die Verbindung ist klar, die Parallelen in Funktion und Wirkung nicht nur deutlich erkennbar, sondern mittlerweile auch vielfach wissenschaftlich belegt. Die Nutzung sozialer Medien ähnelt nicht nur gefühlt dem Konsum von Drogen. Sie kann auch genauso abhängig machen und unter bestimmten Voraussetzungen auch genauso schädlich sein. Die Details der Erkenntnisse der Forschungen müssen eigentlich nicht wiederholt werden, denn sie tauchen mittlerweile fast überall auf und viele spüren es auch am eigenen Leib. Zumindest geht es mir so. Viele Befürwortende, und auch Expert:innen, betonen häufig, dass die Forschung noch in den Kinderschuhen steckt und bisher nur Korrelationen und keine Kausalitäten belegt werden können. Das ist in meinen Augen kein irrelevanter Punkt, doch die Risiken von sozialen Medien werden trotzdem deutlich. Sie sind mit Sicherheit nicht der einzige Grund für die vielen psychischen Probleme der heutigen Gesellschaft, aber dass sie einen entscheidenden Teil dazu beitragen, kann wahrscheinlich nur schwer bestritten werden.
Ich selbst will die sozialen Medien auch keinesfalls verteufeln, denn ich sehe, was für einen signifikanten positiven Beitrag sie leisten können. Die Vorteile die zuvor schon genannten halte ich für immer noch sehr bedeutend, gerade die modernen Social Media Plattformen können auf besondere Weise dabei unterstützen, sich mit Gleichgesinnten zu vernetzen, neue Inspirationen zu finden, sich zu informieren und weiterzubilden und in schwierigen Situationen Hilfe zu finden. Das sind immer noch nur einige Beispiele und sprechen deutlich für die Bereicherung, die die Plattformen bieten können, als die ich sie auch selbst empfinde. Aber trotzdem hat diese Welt eben auch ihre Schattenseite. Und derer sollte man sich bewusst sein. Was sowohl für die Nutzer:innen gilt als auch für die Verantwortlichen. Zumindest den Entwicklern der Plattformen sind die Auswirkungen ihrer Produkte Untersuchungen zufolge sehr gut bewusst. Daraus ergibt sich entsprechend aber auch eine große Verantwortung. Eigentlich wären sie dafür zuständig, Schutz und Sicherheit ihrer Kund:innen zu gewährleisten. Trotzdem richten sie ihre Produkte vordergründig nach Profitinteressen aus, indem sie verschiedene Funktionen und Mechanismen einsetzen, die die Anwendungen besonders fesselnd gestalten, immer wieder unsere Aufmerksamkeit einfordern und eindeutig abhängig machen. Auch, wenn sie die Gefahren sehr gut kennen. Auch, wenn ihnen die Möglichkeiten zum Missbrauch der Technologie für schädliche, teilweise rechtswidrige Zwecke bekannt sind, inklusive etlicher realer Beispiele, die immer häufiger, immer drastischer werden. Ihre Fokussierung auf den eigenen Gewinn ist in einer kapitalistischen Gesellschaft keine Ausnahme und auch keine Überraschung. Doch sie beweist eben auch, dass es sich bei den CEOs nicht um altruistische Idealisten handelt, sondern um Geschäftsleute, für die wir Nutzende höchstwahrscheinlich nicht viel mehr als Zahlen sind, unsere Emotionen und unsere Kreativität nur verfügbare Ressourcen.
Natürlich steht es jedem frei, die sozialen Medien zu nutzen oder es nicht zu tun. Aber egal ist es in der heutigen digitalen Welt eben auch nicht. Ob es die aufdringliche Werbung ist oder der Gruppenzwang in der Gesellschaft. Sich den sozialen Medien zu entziehen, ist nicht einfach. Auch, wenn man sie selbst nicht nutzt, spürt man im Alltag höchstwahrscheinlich trotzdem ihre Auswirkungen auf den öffentlichen Diskurs. Das Argument, dass jeder für seinen Medienkonsum selbst verantwortlich ist, und wenn er unter dem Einfluss von Social Media leidet, eben selbst schuld, da ihn ja niemand zwingt, es zu nutzen, halte ich daher nicht für falsch, aber trotzdem für zu kurz gegriffen. Denn um zu dem Thema Drogen zurückzukommen, das ist eine weitere Parallele. Denn wenn ein Produkt pauschal verteufelt wird, besteht schnell die Gefahr, dass Autoritäten entweder die Verantwortung auf Nutzer:innen schieben oder versuchen, es mit Gewalt zu unterbinden. Doch wie bei so vielen Fragen bedarf es hier einer differenzierten Betrachtung. Denn der Vergleich mit einer Droge ist aus meiner Sicht durchaus passend, sollte aber mit Bedacht angewendet werden. Denn anders als viele gern zum Vergleich herangezogene Substanzen, ist die Nutzung von Social Media nicht automatisch schädlich. Sie ist eben nur sehr riskant und sollte daher bewusst und mit Vorsicht erfolgen. Man kann sie daher nicht mit Drogen gleichsetzen, wenn man sie als per se schlecht einstuft. Es passt eher, wenn man sie als Genussmittel begreift, die in Maßen und bei bewusstem Konsum durchaus Vorteile haben. Die Dosis macht das Gift, sowie die Art und Weise seiner Anwendung. Ob der Vergleich passend ist, hängt also vermutlich von der Definition beziehungsweise der Bewertung von Drogen ab. Macht es Sinn, etwas zu bekämpfen, das unter den richtigen Umständen eine große Bereicherung wäre? Damit das zutreffen würde, müsste aber wahrscheinlich zunächst einiges passieren. Die Personen hinter den Plattformen müssten mehr Verantwortung für die Auswirkungen und potenziellen Gefahren ihrer Anwendungen übernehmen, Nutzende gleichzeitig stärker für die Risiken sensibilisiert werden und ihren eigenen Konsum kritisch betrachten. Doch dass es sich bei der Zielgruppe der Kinder und Jugendlichen um eine besonders gefährdete Zielgruppe handelt, halte ich durchaus für wahr. Das Argument, dass Kinder ja aus gutem Grund auch keinen uneingeschränkten Zugang zu Alkohol oder Glücksspielen haben, ist einleuchtend. Aber das Bild macht mir immer noch Gedanken. Kann man diese Dinge wirklich gleichsetzen?
Für mich ist die gängige Social Media Plattform am ehesten zu vergleichen mit einer Party oder einem angesagten Club, in dem diese Party stattfindet. Sie ist ein großartiger Ort, um neue Leute kennenzulernen, sich auszutauschen oder einfach ein bisschen Spaß zu haben. An diesem Ort kann einiges passieren, man setzt sich beim Aufenthalt also einem gewissen Risiko aus. Wenn man aber etwas vorsichtig ist und auf gewisse Dinge achtet, kann man auch einfach eine richtig gute Zeit haben. Jetzt kommt aber auf dieser Party trotzdem eine Droge ins Spiel: der Algorithmus. Sie muss nicht automatisch Teil der Party sein, für viele macht sie die Erfahrung aber intensiver und spannender, weshalb sie mittlerweile eigentlich fester Bestandteil ist und von fast jedem, der dort ist, konsumiert wird. Die Gastgeber stellen sie selbst zur Verfügung und verteilen sie an die Gäste. Das Erlebnis hat sich herumgesprochen und zieht immer mehr neugierige Jugendliche an, auf die die Substanz besonders stark wirkt. Besorgte Eltern und andere Erwachsene werden nun vielleicht unruhig, da sie immer weniger von ihren Kindern mitbekommen oder merken, dass sie sich verändern. Sie sind vielleicht immer häufiger abwesend, gehen regelmäßiger und länger feiern, wenn sie zuhause sind, ziehen sie sich aber zurück, wirken abwesend und in sich gekehrt. Vielleicht zeigen sie sogar gewisse Auffälligkeiten und sind etwa häufiger unruhig, gereizt oder niedergeschlagen. Die Erziehungsberechtigten, die sich Sorgen machen, aber nicht genau wissen, was die Jugendlichen bei ihren Ausgängen genau machen, versuchen jetzt vielleicht, ihr riskantes Verhalten zu unterbinden und womöglich sogar bestimmen, dass ihre Kinder abends zuhause bleiben. Das wird von ihnen berechtigterweise als Einschränkung empfunden und kann große Konflikte auslösen. Die sind zwischen Kindern und Erwachsenen, besonders in Familien, zwar normal, aber ist es dieser Konflikt wert, wenn das eigentliche Problem gar nicht behandelt wird? Denn auch, wenn die Jugendlichen beim Ausgehen möglicherweise mit problematischen Dingen in Kontakt kommen, muss es nicht gleich heißen, dass sie nicht mehr feiern gehen dürfen, weil es so gefährlich für sie ist. Natürlich müssten sich Dinge ändern, um ihre Sicherheit wirklich konsequent zu gewährleisten. Die Plattformentwickler müssten wie gesagt stärker zur Verantwortung gezogen werden, damit sie bessere Maßnahmen ergreifen, sowohl was ihren Algorithmus angeht als auch das, was auf ihren Apps passiert. Zur Aufgabe der Club-Betreiber:innen gehört schließlich nicht nur, den jungen Gästen keine stark abhängig machenden Drogen zu geben; sie sollten auch versuchen, in ihrer Einrichtung aufkommende Konflikte zu lösen und Gewalt zu verhindern, anstatt diese aktiv zu fördern und daraus Profit zu schlagen, wie es aktuell der Fall ist.
Ich will hiermit auf keinen Fall die Risiken der sozialen Medien (oder auch bestimmter Partyszenen) herunterspielen. Trotzdem sollte man meiner Meinung vorsichtig damit sein, sie ganz und gar schlecht zu reden. Mit strengeren Sicherheitsrichtlinien und einer Verbesserung der Medienkompetenz, gerade bei Jugendlichen, könnte die Situation vermutlich deutlich verbessert werden. Die sozialen Medien könnten der ideale Ort sein, als der sie angepriesen
werden, wenn die Verantwortlichen tatsächlich verantwortlich handeln würden. Wenn Expert:innen und Entscheidungsträger in der Politik aber entscheiden, dass das in naher Zukunft einfach nicht realistisch wäre, in den aktuell erfolgreichen Apps vielleicht sogar grundsätzlich unmöglich, ist es wahrscheinlich wirklich die einzige Lösung, Kindern vorerst den Zugang zu verwehren.
von Kari Wenk